Author:
Lisa Scheer
Subject:
Health, Medicine and Nursing, Arts and Humanities, Criminal Justice, Education, Law, Social Science, Gender and Sexuality Studies, Political Science, Social Work, Sociology
Material Type:
Homework/Assignment, Reading, Unit of Study
Level:
Community College / Lower Division
Tags:
  • Habitus
  • Intersectionality
  • Reflection
    License:
    Creative Commons Attribution Share Alike
    Language:
    German
    Media Formats:
    Downloadable docs

    Intersektionalität & Habitusreflexivität

    Overview

    Dieses Übungsblatt führt in Intersektionalität und Habitusreflexivität ein. Die enthaltenen Übungen dienen dem Verständnis und der Vertiefung.

    This exercise sheet is an introduction to intersectionality and habitus reflexivity. It contains tasks that support a deeper understanding.

    1. Intersektionalität

    Articulated by legal scholar Kimberlé Crenshaw (1991), the concept of intersectionality identifies a mode of analysis integral to women, gender, sexuality studies.

    A question of identity

    Within intersectional frameworks, race, class, gender, sexuality, age, ability, and other aspects of identity are considered mutually constitutive; that is, people experience these multiple aspects of identity simultaneously and the meanings of different aspects of identity are shaped by one another.

    Übung: Reflektieren Sie Ihre eigene Identität anhand des Social Identity Wheel. Anhand welcher sozialer Identitätskategorien identifizieren Sie sich? Welche Privilegien bzw. Marginalisierungen nehmen Sie wahr?

    Privilege and Identiy Wheel, Sunny Kim und Nicola Andrew, CC BY-SA, https://www.ala.org/advocacy/sites/ala.org.advocacy/files/content/DPL2018_CulturalHumilityWheel.jpg.pdf

    An intersectional analysis of identity is distinct from single determinant identity models and additive models of identity. A single determinant model of identity presumes that one aspect of identity, say, gender, dictates one’s access to or disenfranchisement from power. An example of this idea is the concept of “global sisterhood,” or the idea that all women across the globe share some basic common political interests, concerns, and needs (Morgan 1996). If women in different locations did share common interests, it would make sense for them to unite on the basis of gender to fight for social changes on a global scale. Unfortunately, if the analysis of social problems stops at gender, what is missed is an attention to how various cultural contexts shaped by race, religion, and access to resources may actually place some women’s needs at cross-purposes to other women’s needs. Therefore, this approach obscures the fact that women in different social and geographic locations face different problems. Although many white, middle-class women activists of the mid-20th century US fought for freedom to work and legal parity with men, this was not the major problem for women of color or working-class white women who had already been actively participating in the US labor market as domestic workers, factory workers, and slave laborers since early US colonial settlement. Campaigns for women’s equal legal rights and access to the labor market at the international level are shaped by the experience and concerns of white American women, while women of the global south, in particular, may have more pressing concerns: access to clean water, access to adequate health care, and safety from the physical and psychological harms of living in tyrannical, wartorn, or economically impoverished nations.

    Aus: Introduction to Women, Gender, Sexuality Studies, Miliann Kang, Donovan Lessard, Laura Heston, Sonny Nordmarken, CC BY 4.0, https://openbooks.library.umass.edu/introwgss/

    Frage: Was spricht anhand der Erläuterung zu Intersektionalität für bzw. gegen eine globale Sisterhood oder Brotherhood?

     

     

    Eine Frage struktureller Ungleichheiten und Machtverhältnisse

    Bei der Intersektionalität tauchen Diskriminierungsformen wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Antifeminismus, religiöse Verfolgung, Homophobie, Transphobie, Behindertenfeindlichkeit/Ableismus und Disablismus, Altersdiskriminierung oder Klassismus nicht isoliert voneinander auf (Mehrfachdiskriminierung), sondern werden in ihren Interdependenzen und Überkreuzungen (englisch intersections) betrachtet. Sie addieren sich nicht nur in einer Person, sondern führen zu eigenständigen Diskriminierungserfahrungen. So wird beispielsweise ein gehbehinderter Obdachloser gegebenenfalls nicht nur als Obdachloser und als Gehbehinderter diskriminiert, sondern er kann auch die Erfahrung machen, als gehbehinderter Obdachloser diskriminiert zu werden, d. h. er erfährt unter Umständen Formen der Diskriminierung, die weder ein nichtbehinderter Obdachloser noch ein (Geh-)Behinderter mit festem Wohnsitz erfahren könnte. Der Fokus liegt also auf den Wechselbeziehungen der Diskriminierungs-kategorien.

    Aus: Intersektionalität, CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/wiki/Intersektionalit%C3%A4t

     Freeze Prices - Not the Poor, Alisdare Hickson, CC BY-SA 2.0, flickr

    Frage: Inwiefern kommt am Foto „Free Prices – Not the Poor“ Intersektionalität zum Ausdruck?

    Übung: Vervollständigen Sie den Satz mit eigenen Worten. Intersektionalität meint / beschreibt /bedeutet …

    2. Habitusreflexivität

    Der Begriff Habitusreflexivität setzt sich aus Habitus und Reflexivität zusammen. Reflexivität wird oft synonym mit Reflexion verwendet, obwohl beide Begriffe doch Unterschiedliches meinen. Während laut Duden Reflexion das Nachdenken, prüfende Betrachten und Überlegen beschreibt, bezieht sich Reflexivität darauf, das eigene Tun, Denken und Beurteilen zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen.

    Aus: Theoriekarte Habitusreflexivität. Katarina Froebus, Susanne Kink-Hampersberger, Iris Mendel, Lisa Scheer, Julia Schubatzky, CC BY 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/, https://static.uni-graz.at/fileadmin/projekte/habitusmachtbildung/Habitusreflexivitaet_12_2021.pdf 

    Das Konzept des Habitus verknüpft im Nachdenken über die Gesellschaft — und damit auch über Bildung, Universität und Schule — die Strukturperspektive und die Handlungsperspektive. Habitus bedeutet wörtlich „Gehabe“ (lat. habere: haben) und meint die inkorporierte soziale Position. Wie jemand geht, steht, spricht, denkt, sich selbst und die Welt wahrnimmt und sich in ihr bewegt, ist laut Bourdieu nicht einfach eine individuelle, sondern immer auch eine gesellschaftliche Frage — eine Frage des Habitus, also eine Frage, wie Geschlecht, Klasse, Race, Körperlichkeit, Sprache, Sexualität etc. gelebt, verkörpert und sichtbar werden — oder auch nicht.

    Übung: Nehmen Sie Ihr Social Identiy Wheel und überlegen Sie, was Sie davon mit den Identitätskategorien verknüpfen können: Ihre Mimik und Gestik, Ihr Kleidungsstil, Ihre Art zu gehen und zu sitzen, Ihre Essensvorlieben, Ihre Hobbies

    Geschlecht, Klasse, Race, Körperlichkeit, Sprache, Sexualität etc. sind dabei auch als Machtverhältnisse zu verstehen, also z. B. Heteronormativität, Rassismus, Klassismus, Ableismus, Sexismus, Ageismus. Diese Strukturen schreiben sich in die Menschen auch körperlich ein. Das bedeutet, dass sich Menschen im Zuge von Erziehung, Bildung und Sozialisation (sprachliche) Ausdrucksweisen, Wahrnehmungsschemata, Körperhaltungen, Normen, Werte etc. aneignen. Diese werden zu einem selbstverständlich erscheinenden Know-how, das sich quasi wie von selbst und ohne große Anstrengung im alltäglichen Handeln und Tun ausdrückt. Durch diese „Einverleibung“ werden die gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen wirksam, ohne dass sich die Einzelnen dessen bewusst sind, und tragen dazu bei, ungleiche Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten.

    Frage: Ist der Habitus immer intersektional zu sehen? Begründen Sie Ihre Antwort.

     

    Über die Auseinandersetzung mit dem eigenen und anderen Habitus zielt Habitusreflexivität darauf ab, zu verstehen, welche Strukturen, Machtverhältnisse und Mechanismen z. B. Bildungsinstitutionen wie Schulen oder Universitäten charakterisieren. Außerdem hilft sie in der Vorbereitung auf und im Umgang mit Konflikten, die sich daraus ergeben können, was von Studierenden bzw. Lehrenden an der Hochschule erwartet und gefordert wird und welches Kapital, welche Fähigkeiten, Werte, Ziele etc. diese Personen zur Bewältigung der Aufgaben mitbringen.

    Habitusreflexivität bedeutet,

    • ein Bewusstsein für den eigenen Habitus zu entwickeln, also für die sozialisatorisch entstandenen persönlichen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster (= wie wir andere wahrnehmen und beurteilen, wie wir mit anderen umgehen, was uns warum un_wichtig ist u. v. m.),
    • zu verstehen, dass diese Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster mit dem eigenen gesellschaftlichen Standort in Zusammenhang stehen und damit nicht losgelöst von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen sind,
    • sich gedanklich an den Ort zu versetzen, den andere im sozialen Raum einnehmen, und all die Aspekte mitzudenken, die mit diesem Ort verknüpft sind (z. B. Privilegien, Armut, Ausgrenzung, Macht, Mitsprache, Un_Sichtbarkeit, politische Partizipation u. v. m.),
    • ein ausgeprägtes Gespür für andere Personen zu entwickeln, im Konkreten für ihren Habitus,
    • eine Ahnung davon zu haben, was andere z. B. als un_wichtig, (nicht) erstrebenswert, richtig und falsch sehen (= Teil des Habitus),
    • Sichtweisen nachzuvollziehen und anzuerkennen, die unter anderen Existenzbe­dingungen als den eigenen zustande gekommen sind,
    • als Lehrerperson zu verstehen, dass Studierende unterschiedliche (Lern-)Strategien und Bildungsziele verfolgen, und diese aktiv zu fördern.

    Aus: Theoriekarte Bourdieus Werkzeugkiste. Katarina Froebus, Susanne Kink-Hampersberger, Iris Mendel, Lisa Scheer, Julia Schubatzky, CC BY 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/, https://static.uni-graz.at/fileadmin/projekte/habitusmachtbildung/Bourdieus_Werkzeugkiste_12_2021.pdf

     

    Übung: Vervollständigen Sie den Satz mit eigenen Worten.

    Habitusreflexivität meint / beschreibt /bedeutet …

    3. Aufgabenstellung

    Nachdem Sie nun die Konzepte Intersektionalität und Habitusreflexivität anhand von Definitionen, Übungen und Fragen kennengelernt haben, lautet die Abschlussaufgabe folgendermaßen:

    Sehen Sie sich dieses Video auf YouTube an:

    Auf den Spuren von Intersektionalität mit... "erklär mir mal...", ComE In & Activistar Collective, Brenda, Peimaneh, Iman, Vicky, CC BY 3.0, https://www.youtube.com/watch?v=be7CfxIMGdI

    Erläutern Sie (Umfang: 300-400 Wörter), inwiefern die vier Personen, die interviewt werden, in ihren Erläuterungen und Beispielen von Intersektionalität bzw. von Habitusreflexivität sprechen. Verbinden Sie das über die beiden Konzepte Gelesene mit den Aussagen der Interviewten und begründen Sie anhand der Videoinhalte, was Intersektionalität und was Habitusreflexivität ist. Gerne können Sie auch eigene Beispiele zur Erklärung ergänzen.